Konzept

In Kants transzendentaler Ästhetik bildet der Raum (neben der Zeit), als eine notwendige Vorstellung a priori, die allen äußeren Anschauungen zugrunde liegt, den irreduziblen Rahmen menschlich-sinnlicher Erfahrung. Davon ausgehend sind immer wieder Versuche unternommen worden, die Raumvorstellung als wechselnde und vielfältige Anschauungsform zu begreifen und theoretisch zu erfassen. Raumvorstellungen, jedenfalls in politisch-sozialen, kulturellen und ästhetischen Bereichen, werden aus vielfachen Diskursen, Praktiken und Medien gebildet, die den Raum jeweils auf bestimmte Weise figurieren. Damit lässt er sich als ein ‚historisches Apriori‘ (Foucault) begreifen, welches wiederum die Bedingung für ein Feld bestimmter Regularitäten von Aussagen oder auch Praktiken formiert.
Die historisch und kulturell variablen Raumfigurationen sind mittlerweile, seit dem Spatial Turn in den Jahren 1990-2000, in vielfacher Weise erforscht. Die Raumsoziologin Martina Löw macht darauf aufmerksam, dass wir dieser Wende die Grundeinsicht verdanken, Räume als soziale Produkte zu begreifen. Grundlegende Untersuchungen und Handbücher etwa sind erschienen, die nicht nur diese Raumfigurationen, sondern auch die vielfältigen Raumtheorien, die besonders seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind (wie bei Panofsky, Bachtin, Lotman, Foucault, Augé, um nur einige Namen zu nennen), in den Blick nehmen.
Die Veranstaltung West-östliche Raumfigurationen will vor allem zwei Bereiche thematisieren, die uns in den bisherigen Raumforschungen noch vernachlässigt  erscheinen: Zum einen konzentrieren sich die Erforschungen der kulturellen Raumfigurationen vor dem Hintergrund der vielfältigen Raumtheorien auf westliche Figurationen und Theorieansätze. Es stellte sich jedoch für uns, in Japan arbeitende Literatur-, Medien- und KulturwissenschaftlerInnen, die simple Frage: Welche Auffassungen vom Raum und welche Theorien über ihn gibt es in Japan? Dies war der Ausgangspunkt, um unsere Aufmerksamkeit vor allem auf die Relationen zwischen japanischen oder anderen nicht-westlichen und westlichen Raumfigurationen und Raumtheorien zu richten. Gerade diese Schnittstellen von westlichen und östlichen Raumkonzepten – das heißt diese west-östlichen beziehungsweise ost-westlichen, die inter- und transkulturellen Schnittstellen – erscheinen uns von zentraler Bedeutung zu sein, die aber bislang in den Raumdiskussionen nur unzureichend aufgenommen wurde.
Zum anderen soll – auch in Verbindung mit dieser ersten Fragestellung – nach der literarischen bzw. literaturwissenschaftlichen Spezifität von Raum gefragt werden. Willkommen sind darüber hinaus auch Beiträge beispielsweise zur imaginären Geographie oder Kartographie, die an der kultur- und medienwissenschaftlichen Öffnung der Literaturwissenschaft anschließen. Es wäre an den Thesen von Jörg Dünne und Andreas Mahler anzuknüpfen, die im Anschluss an Überlegungen Maurice Blanchots zum espace littéraire von der „Existenz einer spezifischen Räumlichkeit der Literatur“ bzw. ihrer „medialen Eigenräumlichkeit“ sprechen. Sie soll in einer „‚Reserviertheit‘ literarischer Räume gegenüber einem konzeptuell oder materiell bestimmten raumwissenschaftlichen Zugriff“ (Dünne / Mahler) bestehen. Fiktional entworfene Räume böten die Möglichkeit, Imaginations- und Vorstellungsräume zu eröffnen, die in den realen, tatsächlich vorhandenen Räumen so nicht zu finden sind. Aus dieser Perspektive interessiert uns die diskursive Konstruktion von Raum, wie sie nicht nur im klassischen Beispiel der Reiseliteratur, sondern auch im Film und Hörspiel oder in anderen Medien betrieben wird.
Die gegenwärtige Vorläufigkeit unseres west-östlichen Raumfigurations-Projekts, welches auch für andere als die hier skizzierten Raumkonzepte geöffnet ist, zeigt sich im Workshop-Charakter der Veranstaltung, was vor allem heißen soll, dass auch Raum-Forschungen, die sich noch in einem Anfangsstadium befinden, hier auf ihre Tauglichkeit erprobt werden können. Es sind bei der eintägigen Veranstaltung insgesamt drei Impulsreferate und acht Workshop-Beiträge vorgesehen.

Advertisements