Ruprechter, Walter

Walter Ruprechter (Tokyo Metropolitan University)

Raumpraktiken im Kulturvergleich. Überlegungen zum Raumvergleich mit Japan.

 

  1.  Gezoomter Raum / gezähmter Blick

„Die Weisheit des Japaners auf dem schmalen Gebiet.“ So bezeichnete einmal ein japanischer Professor der Germanistik die besondere Fähigkeit der Japaner, sich auf engstem Raum so einzurichten, dass dabei nicht nur der Komfort, sondern auch die Ästhetik zu ihrem Recht kommen. Wie viel Platz ein Mensch zum Leben braucht, ist ja kein Naturgesetz, sondern ein Kulturindikator, der auf soziale Praktiken des Miteinander verweist. Die Rede von den „Kaninchenställen“, in denen die Japaner leben würden, wie einst in einem Bericht der EG-Kommission zu lesen war, ist nichts als überheblicher Eurozentrismus, der nichts von den Techniken versteht, sich eine Umgebung zu schaffen, in der es sich trotz der Enge des Raums komfortabel leben lässt, bzw. in der man sich angenehm aufhalten kann.

Die Schaffung solcher Umgebungen gehört in Japan zu den wichtigsten Aufgaben der Raumgestaltung, deren Techniken auf eine lange Tradition zurückgehen. Dazu gehören Miniaturisierungstechniken, wie etwa die als Bonsai bekannte Kunst, Bäume in Töpfen so kleinzuzüchten, dass sie die Natur im Miniaturmaßstab repräsentieren und den Betrachtern auf engstem Raum, wie in einem Teeraum, die Illusion geben können, sich in der Natur selbst zu befinden. Dies gelingt dadurch, dass der Blick des Betrachters selbst auch gezügelt wird, sodass er in der Betrachtung der Miniatur der Illusion der Teilhabe am Naturoriginal erliegt. Die Züchtung der Pflanze geht einher mit der Zähmung des Blicks, die auch die Umgebung, den Raum, erfasst und diesen in ein Oszillieren zwischen Nähe und Ferne versetzt. Es gleicht der Technik einer teleskopischen Verkleinerung oder Vergrößerung des Raums, eines Raumzoomens mithin, lange bevor es solche Technologien gab. Es ist eine mentale Zoom-Technik, wie man sie auch in der traditionellen Gartengestaltung, vor allem der Zen-Gärten, beobachten kann. Dort sind zum Beispiel Steine so ausgewählt und angeordnet, dass sie beim meditativen Betrachten zwischen der Wahrnehmung als das, was sie sind, nämlich Steine, und dem was sie möglicherweise repräsentieren, z. B. einen Berg, oszillieren. In diesem Blickwechsel oszilliert auch der Raum mit, der sich einmal als Mikro- und einmal als Makrokosmos darstellt. Und diese Fähigkeit, Dinge und Räume zum Oszillieren zu bringen, scheint mir eine Kulturtechnik zu sein, die sich in Japan nicht nur im engeren Rahmen von Gärten und Teeräumen bewährt, sondern auch in weiteren Rahmen Anwendung findet, wie etwa im traditionellen Wohnhaus mit seinen verschiebbaren Trennelementen oder in der Gestaltung von ganzen Wohngebieten bis hin zu Stadträumen.

 

  1. Diachrone und synchrone Diskontinuität des Raumbewusstseins

Räume müssen also erfahren und wahrgenommen werden, um überhaupt ins Bewusstsein zu dringen. Auch mit Räumen ist es so eine Sache wie mit der Zeit, von der Augustinus gesagt hat, dass er wisse, was sie sei, solange er sie nicht jemandem erklären müsse. Darin liegt aber ein Paradoxon, denn dieses Wissen außerhalb des Bewusstseinsaktes, der im Nachdenken und Erklären besteht, ist eben nur ein unbewusstes „Wissen“, ein nachträglich so bezeichnetes Wissen, das sich aber nur im Bewusstmachen der Wahrnehmungssituation selbst einstellt. Mit Räumen ist es ebenso: Würde jemand immer nur an einem Ort in derselben Umgebung leben, würde ihm nicht zu Bewusstsein kommen, dass er überhaupt in einem Raum sich befindet, bzw. von einem Raum umgeben ist. Erst der Wechsel der Umgebung oder eine bewusste Wahrnehmungsleistung seiner Situation kann zu einer Raumerfahrung führen. Wie die Zeit kann auch der Raum nur subjektiv in der Wahrnehmung und Erinnerung von Dingen der Umgebung erfahren werden und von da aus überhaupt erst zu sogenannten Raumkonzepten führen.

Was so für die individuelle Erfahrung gilt, kann auch für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Raum geltend gemacht werden. Das Bewusstmachen des Raumes ist also selbst schon ein geschichtlicher Akt. Es gibt nämlich auch Zeiten der Raumvergessenheit, das heißt Zeiten, in denen im Nachdenken über die Welt dem Raum keine besondere Rolle zugemessen wurde. Aber auch das wissen wir nur, weil wir in einer Zeit leben, die einen „spatial turn“ erlebt, und in der es nicht nur konkurrierende Versuche gibt, den Raum der Gegenwart zu konzeptualisieren, sondern damit einhergehend auch vergangene Raumkonzeptionen zu rekonstruieren. Solche Raumkonzeptionen der Vergangenheit können durchaus verschieden beschrieben werden, doch im allgemeinen wird eine historische Abfolge von Raumauffassungen rekonstruiert, die vom Substanz- oder Behälterraum über einen Relationsraum zu aktuellen Konzepten etwa eines topischen Raumes (Latka) oder Atmosphärenraumes (Löw) reichen. Eine Geschichte des Raumes besteht nun m. E. aber nicht in der geschichtlichen Abfolge solcher verschiedener, immer komplexer werdender Auffassungen, sondern darin, dass es überhaupt raumbewusste und raumvergessene Zeiten zu geben scheint. Die Schemata verschiedener sich ablösender Raumauffassungen können allerdings den falschen Eindruck erwecken, dass es historisch ein durchgehend konstantes Raumbewusstsein gegeben habe, das sich nur inhaltlich unterscheide. Aber muss man nicht davon ausgehen, dass Raum keine immer und überall gleiche Bewusstseinsgröße darstellt, ja dass selbst zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt raumbewusste und raumvergessene Praktiken nebeneinander existieren? Sagt uns etwa die Gestaltung eines romanischen oder eines gotischen Kirchenraums, eines barocken oder eines englischen Gartens wirklich etwas über das Raumbewusstsein der ganzen Epoche? Oder nur über das der jeweiligen Baumeister oder derer, die solche Räume an Ort und Stelle nutzen? Wenn sich Raumbewusstsein aber nicht gleichförmig über die Zeiten erstreckt, so ist wohl noch weniger anzunehmen, dass es in allen Weltgegenden und Kulturen gleich oder ähnlich ausgeprägt ist. Dies lässt sich allerdings leichter überprüfen, da es möglich ist, diese Gegenden aufzusuchen und eigene Erfahrungen mit deren Raumgestaltung zu machen.

 

  1. Raumpraktiken in Japan

Die Rekonstruktion von Raumkonzepten seit dem spatial turn hat zu der Einsicht geführt, dass Raum nicht als eine wie immer vorgegebene Größe anzunehmen sei, sondern als Ergebnis von verschiedenen Handlungen und kognitiven Akten. Raum wird fassbar also nur in der Beobachtung von Praktiken innerhalb einer Gesellschaft und ist somit auch Vergleichen mit Praktiken in anderen Gesellschaften zugänglich. Zu dieser Erkenntnis ist auch Hans Ulrich Gumbrecht anlässlich eines Japanbesuchs im Jahre 2004 gekommen, wie er in einem Essay zu dem Thema bemerkt:

„Wer zum ersten Mal nach Japan reist, wird eine erstaunliche Raumerfahrung machen. Er kann entdecken, wie der erste Eindruck des einmalig Anderen in der japanischen Kultur aus einer Vielzahl von Praktiken entsteht, die darin übereinstimmen, dass sie Raum formen und mit Raum spielen, statt ihn bloß als etwas Gegebenes hinzunehmen.“[1]

Gumbrecht versucht dann, solche Raumformungsweisen und Raumspielarten zu beschreiben.

Als erstes fällt ihm auf, dass in Japan Zivilisations- und Naturräume härter und direkter aneinanderstoßen als sonstwo. „Es ist, als ob hier Natur und Landschaft unberührter geblieben wären und die Spuren menschlicher Kultur geballter erschienen“, was sich aber nicht mit der Geographie allein erklären lasse. Das Zusammenleben auf engem Raum müsse einem Nähe-Bedürfnis entsprechen, das sich in langer Tradition institutionalisiert und zu entsprechenden Raumpraktiken geführt habe. Als Beispiel hierfür führt er die Schwellenrituale an, die einen beim Besuch in einem japanischen Haus erwarten.

„Es wird einem nicht erspart, die Straßenschuhe gegen Hausschuhe auszutauschen. Dann bemerkt man, dass eine sehr lange Sequenz verbindlicher Konversation im Eingangsraum hinter der Tür abgewickelt wird und dass der Raum, in dem man den ersten Sake trinkt, noch einmal durch eine symbolische Schwelle abgetrennt ist von den Zimmern, in denen sich das Familienleben abspielt.“

Als weitere Phänomene von Raumpraktiken erkennt er etwa das „bento-box-principle“, also die kontrastive Abgrenzung von Bereichen bei Speisen oder in der Verpackungskunst, ein Prinzip, das man sogar im sorgfältigen Arrangement des Schlafplatzes bei Obdachlosen wiederfindet. Sodann beschreibt er „Rahmungen“ als raumbildende Praktiken, zum Beispiel beim Öffnen und Schließen von Shoji oder Fusuma oder auch in Pflanzenarrangements im japanischen Garten.

Was Gumbrecht im weiteren als Beispiele für Raumpraktiken anführt, erschließt sich allerdings nicht mehr aus rein empirischer Beobachtung, sondern erfordert, dass man seinen Spekulationen folgt. Dass Japaner in ihrem Alltag gerne Ritualen und Choreographien folgen, kann man nur dann unter Raumpraktiken subsumieren, wenn man dahinter keinen religiösen Sinn vermutet, sondern sie als Ausdruck eines rein säkularen Weltverständnisses deutet. Dann ergibt sich nämlich der Eindruck, dass die Einbettung der Ereignisse und Dinge nicht wie im Westen in metaphysische Kategorien erfolgt, sondern in einen zur Totalität erweiterten Raum. So wird der japanische Raum zur Ersatzbühne für die westliche Metaphysik:

„Aber der Abstand der japanischen Welt von jenen Voraussetzungen, die wir selbst – spätestens seit Jacques Derrida – mit einer nie ausbleibenden Andeutung von Selbstgeißelung „westliche Metaphysik“ nennen, ist in der Tat so enorm, dass wir am Ende auf die für uns gedanklich kaum noch einlösbare Voraussetzung stoßen, auch Gedanken – und Götter ohnehin – nähmen Raum ein. Es gibt offenbar keinerlei Phänomene außerhalb des Raums in der japanischen Kultur, und ebenso wenig steht eine Außenperspektive zur Verfügung, aus der sich die Dinge im Raum beobachten und interpretieren lassen.“

Auch die Beobachtung, dass in der japanischen Malerei nur wenige Motive immer wieder verwendet, im Theater wenige Szenen immer wieder gespielt werden, oder dass Dinge mit nur kleinen Abweichungen immer wieder identisch erneuert werden (was sowohl Industrieprodukte wie auch Tempel betrifft), kann nur in einem spezifischen philosophischen Rahmen als Beitrag zum Verständnis von Raumpraktiken gesehen werden. Als Phänomene einer „Kultur der Inszenierung von Erscheinungen“, als welche er die japanische Kultur in toto deutet, können solche Praktiken auch der Raumbildung und Raumerfahrung zugeschlagen werden. Gumbrecht sieht den japanischen Raum als einen alternativen Ort, in dem sich alle Phänomene des Alltags gewissermaßen topologisch verorten lassen. Wenn es zum Wesen dieser Phänomene gehört, dass sie nur in säkularer Inszenierung in Erscheinung treten, dann folgt daraus auch, dass sie dafür eine Bühne brauchen, d. h. Raum. Auf diese Weise müssen auch alle Handlungen zu Raumpraktiken werden und verlieren so wieder das Merkmal der Distinktion, was für eine kulturwissenschaftliche Analyse allerdings wenig hilfreich ist.

Mir scheint, dass Gumbrechts Beobachtungen den Boden der Empirie allzu schnell verlassen und sich mit Spekulationen über die japanische Kultur vermengen, wodurch der Raum als Gegenstand der Beobachtung beinahe wieder entzogen wird.

Abschließend: Gumbrecht intendiert, „das einmalig Andere der japanischen Kultur“ zu erfassen, indem er versucht, die Kultur als Ganzes von einem (ihrem?) antimetaphysischen Standpunkt in den Blick zu nehmen. Aber lassen sich Kulturen als Ganzes überhaupt beschreiben und vergleichen? Oder lassen sich immer nur einzelne Phänomene mit einander in Beziehung setzen? Und kann man daraus mehr als nur eine Differenz ablesen, die im Idealfall den blinden Fleck in der „eigenen“ Kultur aufdecken hilft (z.B. die „westliche Metaphysik“), aber nicht schon einen Ansatz für die Beschreibung der „anderen“ Kultur liefert? Wie weit lassen sich empirische Beobachtungen von Raumphänomenen dann überhaupt verallgemeinern?

Das wären Fragen, die sich für mich aus Gumbrechts Essay ergeben.

[1] Hans Ulrich Gumbrecht: Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt. Über den Totalitätsanspruch des Raums in der japanischen Kultur. In: Neue Zürcher Zeitung, 10. Januar 2005

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