FUKUOKA, ASAKO

Asako Fukuoka (Universität Kobe)

Der Raum, in dem Totenstimmen hallen – Elfriede Jelinek und Okada Toshiki[1]

‚Raum‘ ist eines der entscheidendsten Konzepte in den neuen Kulturforschungen. Einen wichtigen Teil bildet dabei der Bereich ‚Erinnerung‘. Die Bedeutung des Raumes für die Erinnerung ist – wie Jan Rupp darlegt[2] – zum einen als eine Wiederentdeckung der antiken Mnemotechnik, zum anderen im Zusammenhang mit modernen Geschichtsforschungen wie von Pierre Nora erörtert. Bereits beim Titel des Hauptwerks von Aleida Assmann, Erinnerungsräume (1999), kann man diesen Trend erkennen.

Auch in der Literaturwissenschaft bildet die Thematik ‚Erinnerung‘ eine wichtige Komponente, und zwar in Hinblick auf das Raumkonzept. Renate Lachmann stellt Texte als Gedächtnisräume vor: „The memory of the text is formed by the intertextuality of its references“.[3] Hier ist ein Raum konzipiert, der durch Überlagerungen unterschiedlicher Texte, somit unterschiedlicher Zeiten und Stimmen gestaltet wird, die selber in diesem Raum hallen und ihn heimsuchen.

Hinsichtlich dessen untersuche ich in meiner Präsentation, wie ein ‚Raum‘ für Totenstimmen gestaltet ist, anhand zweier Theatertexte, nämlich 地面と床 (Jimen to yuka, Ground and Floor) von Okada Toshiki und Kein Licht von Elfriede Jelinek. Die beiden Texte wurden als Reaktion auf die dreifache Katastrophe von Fukushima im März 2011 geschrieben, und Tote spielen in diesen Stücken als zentrale Figuren eine entscheidende Rolle.

Mein Augenmerk richtet sich vor allem auf den Aspekt der ‚Vermittelung‘ der Erfahrung‘ der Katastrophe: Wie Katastrophen erzählt oder weitererzählt werden können, die nicht selbst erlebt wurden, gehört zu den wichtigsten Fragestellungen der Gegenwartsliteratur. Hieraus entspringt meine grundsätzliche Frage, wie Gegenwartsliteratur mit Katastrophenerlebnissen umgeht, die den Autorinnen und Autoren wohl aus den Medien, jedoch nicht aus persönlicher Erfahrung bekannt sind.

In meiner Untersuchung möchte ich kurz auf sprachliche Methoden der beiden Autoren eingehen. Dabei gehe ich von einer Ambivalenz medialer Erfahrung aus, wobei ich mich unter anderem auf Sybille Krämers Bild des „Boten“ berufe. Krämer schreibt: „Der Bote überbrückt Abstände, aber er beseitigt sie nicht; Vermittlung und Trennung greifen in der Botenfigur ineinander. Schwingt nicht diese Doppeldeutigkeit, dass im Überwinden der Entfernung diese zugleich auch bewahrt wird, im deutschen Wort ›Ent-fernung‹ mit?“[4] Hinsichtlich dessen zeige ich auf, was für ein literarisch-theatralischer Raum gestaltet ist, der mit den Strategien dieser ambivalenten, ent-fernten Position versucht, Totenstimmen hallen zu lassen.

 

[1] Die vorliegende Arbeit wird von JSPS KAKENHI (15K16713) gefördert.

[2] Rupp, J.: Erinnerungsräume in der Erzählliteratur. In: Hallet, W. / Neumann, B. (Hg.): Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn. Bielefeld: transcript Verlag 2015, S. 181-194.

[3] Lachmann, R.: Mnemonic and Intertextual Aspects of Literature. In: Erll, A./Nünning, A. (Hg.): Cultural Memory Studies. An International and Interdisciplinary Handbook. Berlin/New York: Walter de Gruyter 2008, S. 301-310, hier S. 304.

[4] Krämer, Sibylle: Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität. Berlin: Suhrkamp 2008, S.111.

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