Klawitter, Arne

Arne Klawitter (Waseda University):

Die Sprache des Raumes und die Räumlichkeit des Werkes. Michel Foucaults literaturanalytische Topographie

In meinem Vortrag werde ich auf recht unbekannte Texte von Foucault zu sprechen kommen: Im Mittelpunkt meiner Betrachtungen stehen zum einen zwei Vorlesungen, die Foucault unter dem Titel „Langage et littérature“ im Dezember 1964 in Brüssel gehalten hat; dt. Übers. „Die große Fremde. Zu Wahnsinn und Literatur“ (2014). Zum anderen werde ich auf eine Rezension eingehen, die Foucault im April 1964 mit dem Titel „Le langage de l’espace“ in der Zeitschrift Critique veröffentliche, sowie auf Foucaults Analyse des Werkes von Raymond Roussel (1963).
Foucault konstatiert zunächst, dass sich das Schreiben über Jahrhunderte vorrangig nach der Zeit richtete und eine tiefgründige Verwandtschaft mit der Zeit unterhielt, was mehrere Gründe hatte, vor allem, weil die Zeitlichkeit es der Sprache erlaubt, eine Geschichte zu erzählen und gleichzeitig ein Versprechen zu geben. Diese Beziehung habe sich aber im 20. Jahrhundert aufgelöst, und an ihre Stelle ist eine grundsätzliche Beziehung zwischen Sprache und Raum getreten, insofern als, wie insbesondere das strukturalistische Denken zeigt, erstens, jedes Element der Sprache nur in einem Netz der Synchronie einen Sinn erhält; zweitens, der semantische Wert jedes Wortes durch die Aufschlüsselung eines Tableaus bzw. eines Paradigmas definiert ist; drittens, die Reihenfolge der Elemente, ihre Ordnung, die Kongruenzen zwischen verschiedenen Wörtern über die gesamte Wortkette hinweg den simultanen, architektonischen, folglich räumlichen Anforderungen der Syntax unterworfen sind; viertens schließlich, es im Allgemeinen nur ein signifikantes Zeichen gibt mit einem Signifikat, das den Gesetzen der Substitution bzw. Kombination von Elementen unterliegt, also einer Reihe von Operationen folgt, die durch eine räumliche Anordnung bestimmt sind. Vor dem Hintergrund von Foucaults Wissensarchäologie ließe sich weiterhin sagen, dass die jeweilige epistemische Konfiguration sich in dieser Beziehung niederschlägt und sich im literarischen Werk jeweils verschiedene Raumfiguren oder Raumkonfigurationen etablieren. Dies wird verdeutlicht an Rabelais Pantagruel (1532-64), an Stücken von Corneille (insbesondere Polyeucte, 1643), an Gedichten von Stéphane Mallarmé (etwa 1860-70) sowie an Erzählungen und Romanen von Raymond Roussel (den Romanen Impressions d’Afrique (1910) und Locus Solus (1914) sowie die Nouvelles Impressions d’Afrique (1932)).

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