Pekar, Thomas

 

 

Thomas Pekar (Gakushuin University, Tokyo)

Machtträume und Machträume.
Imaginationen des Raums in der Geopolitik

1. Einleitung

Hitlers bio-territoriale Machtträume, die sich in die von Deutschland im Zweiten Weltkrieg unter der Parole der Gewinnung von „Lebensraum im Osten“ besetzten Machträume verwandelten, bedeuteten für Millionen Menschen, die dort lebten oder dorthin deportiert wurden, Todesräume (denn beispielsweise die Vernichtungslager, im Unterschied zu den Konzentrationslagern, lagen genau in diesen Gebieten außerhalb des eigentlichen Reichsgebiets). Diese Ostexpansion hat eine Vorgeschichte, mit der ich mich hier beschäftigen will. Diese Vorgeschichte verbindet sich mit der sogenannten Geopolitik in Deutschland, deren Grundlagen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gelegt wurden; bestimmend dafür sind beispielsweise die Arbeiten des amerikanischen Konteradmirals Alfred Thayer Mahans (1840-1914), des deutschen Geografen Friedrich Ratzels (1844-1904), auf den ich hier, als den eigentlichen Lehrer des deutschen Geopolitikers Karl Haushofers (1869-1946), verschiedentlich zu sprechen kommen werde, des englischen Geografen Halford Mackinders (1861-1947) und des schwedischen Staatswissenschaftlers Rudolf Kjelléns (1864-1922).

2. Lebensraum bei Friedrich Ratzel

Einer der ersten, der den Begriff ‚Lebensraum‘ benutzte und zu bestimmen versuchte, war der erwähnte deutsche Zoologe und Geograf Ratzel. Am Anfang seines 1897 erstmalig publizierten Buch Politische Geographie führt er diesen Begriff ein und spricht darin dem Raum grundsätzlich eine politische Dimension zu: Politische Räume seien Lebensräume; Räume, die über das Siedlungsgebiet eines Volkes hinausreichen, also Räume, auf die ein Volk (bzw. seine politische Führung) sozusagen sein (bzw. ihr) Auge geworfen hat, um sich in ihnen auszubreiten. Musterbeispiel für solche Räume sind Ratzel Nordamerika und Australien bzw. „die Ausbreitung der Angelsachsen“ dort, aber auch die heute sogenannte deutsche Ostsiedlung, d.h. die Einwanderung deutschsprachiger Siedler in überwiegend slawisch bewohnte Gebiete östlich von Saale und Elbe ab etwa 1000 bis etwa Anfang des 14. Jahrhundert. Ratzel nennt diese Ausbreitung über das „transelbische Land die größte Raumtatsache der Geschichte der Deutschen“ (Ratzel 1897, 373).
Raum wird bei ihm der entscheidende Faktor in dem sozialdarwinistischen Kampf der Völker (bzw. in ihren Kriegen) ums Dasein, der dann eben bei Ratzel „Kampf um Raum“ heißt. Anders als später dann bei Hitler, der im übrigen Ratzels Buch, so wie Haushofer schreibt, „mit heiliger Glut“ während seiner Gefängniszeit und damit eben auch der Zeit der Abfassung von Mein Kampf gelesen haben soll, verbinden sich bei Ratzel mit seinem „Kampf um Raum“ allerdings noch keine direkt rassistischen Vorstellungen; so sind ihm die Indianer beispielsweise, die offensichtlich den „Kampf um Raum“ in ihrer Heimat verloren haben, lediglich in „engen Raumvorstellungen“ befangen, da sie „über ihre Jagdreviere nicht hinausblickten“ (Ratzel 1897, 382).
Was Europa betrifft, so sah Ratzel hier allerdings, auch bei wachsender Bevölkerung, keine Möglichkeit der Raumeroberung mehr, sondern sprach sich interessanterweise (da er damit m.E. recht zukunftsweisend ist) für eine Intensivierung der Raumnutzung aus, was insbesondere durch Verkehr (Verbesserung der Verkehrsmöglichkeiten; Verkehrserleichterungen etc.) geschehen sollte; dem Verkehr sprach er, anders als Haushofer später, überhaupt eine positive, raumbewältigende Rolle zu.
Ich will mich in meinem Vortrag, im Anschluss an Ratzel, mit jener Geburtsstunde und Ausgestaltung einer spezifisch deutschen Geopolitik beschäftigen, die vor allem durch Haushofer im Anschluss an den von Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieg geleistet wurde und die in engster Verbindung zu den eben von mir skizzierten nationalsozialistischen Raumvorstellungen stand.

3. Die deutsche Geopolitik und ihre imaginären Grundlagen

Es ist leider immer noch nicht wissenschaftlicher Konsens, dass Geopolitik und Nationalsozialismus so enge Verwandte sind, obwohl beispielsweise schon vor mehr als dreißig Jahren der viel über die jüdische Geschichte arbeitende Historiker Dan Diner auf die Indienstnahme der Geopolitik durch den Nationalsozialismus und den gemeinsamen ideologischen und gesellschaftlichen Ursprung von beiden Erscheinungen hingewiesen hat; auf seinen 1984 unter dem Titel Grundbuch des Planeten. Zur Geopolitik Karl Haushofers erschienenen Aufsatz möchte ich ausdrücklich verweisen, der für meine folgenden Überlegungen auch grundlegend ist (vgl. Diner 1984).
Geopolitik wie Nationalsozialismus entstammen einem gemeinsamen Wurzelboden, nämlich dem Versailler Friedensvertrag von 1919, der u.a. eine territoriale Verkleinerung Deutschlands bedeutete. Diese Gebietsverluste, obwohl sie aus heutiger Sicht, besonders dann auch angesichts der Verluste nach dem Zweiten Weltkrieg, als vielleicht nicht so sehr dramatisch erscheinen könnten, wurden doch von konservativ-nationalen, nationalistischen und nationalsozialistischen Kreisen in Deutschland als traumatische „Amputation“ oder unnatürliche „Verkümmerung“ hypostasiert.
Es wurde ein grundsätzlich klaustrophobisches Raumgefühl entwickelt und propagiert, welches in Hans Grimms 1926 erstmals erschienenem Roman Volk ohne Raum auf den Punkt gebracht wurde, insbesondere in der Hinsicht, dass man eben über diese engen staatlichen Grenzen Deutschlands hinaus Lebensraum benötige. Inbegriff der Raumnot ist bei Grimm die industriell geprägte Großstadt, wobei man sich aber nicht von dem Gegenbild der leeren, kolonialen Welt täuschen soll; so einfach ist es nicht; ich will dies kurz ausführen, weil nämlich der in diesem Riesenroman von 1350 Seiten, den Grimm 1920 zu schreiben begonnen hatte, entwickelte Raumbegriff so grundlegend für die weiteren ideologischen Raumkonzeptionen der Geopolitik wurde. Am Ende dieses Romans resümiert Grimm seine Bemühungen mit diesen Worten:

„Das Buch bot sich von Anfang an nicht als leichte und lachende Arbeit, die ganzen Notjahre legten sich auf das Buch, eines hinter das andere, so wie sie am deutschen Volke nun dauern und unabänderlich fortdauern werden, solange gegen Gott und Natur dem einen Volke nicht Raum gegeben, sondern die sich verengende Enge nur besser oder schlechter verborgen wird.
Und auch mit einem Stücke Kolonie oder irgendeinem anderen pfiffigen Betruge wird die Enge niemals zum Raume (…)“ (Grimm 1926, 1308f).

In diesem Zitat sind die wesentlichen Merkmale, die dann auch für die Geopolitik bestimmend waren bzw. wurden, versammelt: nämlich der (fehlende) „Raum“ und als Pendant dazu die (vorhandene) „Enge“, die, in dieser Formulierung von der „sich verengende[n] Enge“ klaustrophobisch zugespitzt wird.
Und noch ein drittes Moment ist hier zu finden, eine gleichsam gefühlsmäßige Beziehung zum Raum, wenn gesagt wird, dass die Enge nicht „mit einem Stücke Kolonie“ zum „Raume“ werden könne. Das heißt ja, dass, damit ein „Stück“ Erde als „Raum“ bzw. Raum zum Leben, also Lebensraum angesehen werden kann, eine bestimmte Bindung an dieses Stück Erde herstellbar sein muss. Und das geht nicht überall, nicht in der Wüste! Bei Haushofer findet sich diese Bindung etwa darin wieder, dass er ein „gesamtdeutsche[s] Raumgefühl“ supponiert, welches z.B. Elemente wie „kontinental und potamisch“ (also flussliebend) umfasst.
Hierin liegt im übrigen auch ein wesentlich Grund für die dann von Hitler gewählte Präferenz der kontinentalen Raumerweiterung (seines, wie man es genannt hat, ‚Kontinentalkolonialismus‘) gegenüber der kolonial-afrikanischen bzw. überseeischen Raumeroberung.
Zurück zur Geopolitik: Sie sprach sich die Aufgabe zu, den „wissenschaftlichen“ Nachweis zu führen, dass diese neuen Grenzen Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg „nicht nur ungerecht und absurd, sondern für die Zukunft Europas gefährlich waren.“
In diesem Kontext bewegen sich die geopolitischen Arbeiten Haushofers, die man in Hinsicht auf die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs auch als eine „Revisionsideologie“ bezeichnen kann und bezeichnet hat. In pathetischen Worten beschwört Haushofer die Unmöglichkeit des Versailler Vertrags: „Ein Beharrenwollen auf dem Gefüge von 1918/19 würde für das Hundertmillionenvolk der Deutschen dauernde Verstümmelung, Verkümmerung, schließlich den Rassen- und Volkstod bedeuten.“ Auf krudeste Weise verknüpft hier Haushofer, in Anlehnung an Ratzel, auf sozialdarwinistische Weise ‚Raumnot‘ mit ‚Absterben‘, wenn er schreibt:

„Die Zusammenhänge zwischen Raumnot und Einwirkung des Raumes auf die Organismen lassen uns aber auch die ganze Grausamkeit des über uns in Versailles verhängten Schicksals erkennen […], wenn wir nicht verkümmern und sterben wollen. Lesen wir doch, was die Seevögel auf der Insel Laysan im Stillen Ozean als Recht der Besitzenden mit ebenso grausamer Folgerichtigkeit durchsetzen, wie die Weltwirtschaftskonferenzen unserer Tage […]“ (Haushofer 1934, 71).

Und dann erzählt Haushofer die traurige Geschichte dieser Seevögel, die die spätankommenden Vögel auf die schlechtesten Wohnplätze vertreiben, wo sie dann nur „verkommene Vogelkinder mit struppigem Gefieder und von der Salzsole angeätzten Beinen“ hervorbringen.
Abgesehen von der grundsätzlichen Problematik, die sich mit dem Sozialdarwinismus verbindet, ist Haushofers Analogie, die Deutschen seien die verspäteten Seevögel, in Hinsicht auf die territorialen Verluste nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, auch reichlich schief. Worauf hier angespielt wird, ist allerdings ein anderer, immer wieder bemühter Topos von den Deutschen als ‚verspätete Nation‘.
Zusammenfassend kann man sagen: Während für Hitler und die Nationalsozialisten die Auseinandersetzung mit dem gesamten Versailler Vertragswerk, mit Rüstungsbeschränkungen, Reparationsleistungen, Kriegsschuldfrage etc., im Mittelpunkt stand, konzentrierte sich die Geopolitik gewissermaßen auf den Raumaspekt dieses Vertragswerks; gemeinsam ist beiden, dass sie nicht nur eine Revision des Vertrags anstrebten, sondern dann auch gleich eine Expansion, die unter Parolen wie „Kampf ums Dasein“ (als Kampf um Raum), „Lebensraum“ oder „Volk ohne Raum“ zu einem weiteren Weltkrieg führen sollte.
Und man sollte dabei nicht das Faktum aus den Augen verlieren, dass es ein romanhaft-fiktiver Raumbegriff war, der zur Grundlage einer „Wissenschaft“ – ich würde lieber von einer „Pseudowissenschaft“ sprechen –, der Geopolitik also, gemacht wurde.

4. Grundzüge der Geopolitik Karl Haushofers

Ich will nun einige Gründzüge der Geopolitik Haushofers vorstellen: Zur Person Haushofers nur ganz kurz (mein auch in Japan arbeitender Kollege, Christian W. Spang, hat über ihn und Japan vor drei Jahren eine über 1000-seitige Dissertation publiziert, die auch in dieser biografischen Hinsicht sehr erschöpfend ist; vgl. Spang 2013): Karl Haushofer wurde 1869 in München geboren; kam als Major der Bayerischen Armee 1909/10 zum Studium der japanischen Armee nach Japan, was ihn sehr geprägt hat; er promovierte nämlich später an der Universität München mit einer Arbeit mit dem etwas gespenstischen Titel Dai Nihon [Groß-Japan]. Betrachtungen über Groß-Japans Wehrkraft, Weltstellung und Zukunft (vgl. Haushofer 1913); Haushofer war dann im Ersten Weltkrieg eingesetzt; danach habilitierte er sich in Geografie an der Universität München und war in diesen Jahren aktiv an der Entwicklung der Geopolitik beteiligt, besonders auch durch seine Mitarbeit an der 1924 gegründeten Zeitschrift für Geopolitik. In diese Jahre fällt auch seine Freundschaft mit dem späteren führenden Nationalsozialisten und Stellvertreter Hitlers (ab 1933), „Stellvertreter des Führers“, wie es immer heißt, Rudolf Heß (1894-1987), der als Haushofers Schüler gilt. 1933 wurde er zum Honorarprofessor für Geografie an der Universität München ernannt und hatte in den folgenden Jahren, obwohl selbst nicht Mitglied der NSDAP, eine große „Nähe zur NS-Ideologie“ und dementsprechend eine führende Stellung im Wissenschaftsbetrieb der damaligen Zeit inne. Im Zusammenhang mit dem England-Flug von Heß 1941 verlor er an Einfluss und geriet ins Visier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Sein Sohn Albrecht stand Kritikern des Nazi-Regims nahe und wurde mit den Attentätern, die auf Hitler am 20. Juli 1944 einen Anschlag verübten, als Mitwisser in Verbindung gebracht. Er wurde in den letzten Kriegstagen in Berlin von den Nazis hingerichtet. Haushofer selbst nahm sich, zusammen mit seiner Frau, 1946 das Leben.
Wie schon meine Ausführungen zu Hans Grimms Roman zeigen sollten, ist der Raum-Begriff der Geopolitik (und ich meine nun hier und im Folgenden im wesentlichen die von Haushofer) stark von imaginären Elemente beherrscht, die z.T. auch ganz widersprüchlich zueinander stehen: Da gibt es zum einen eine unerfüllte Fern-Sehnsucht, die sich mit Haushofers Arbeiten zu Japan und zum pazifischen Raum verbinden; zum anderen, dem z.T. widersprechend, bestand die geopolitische Raumvorstellung aus einer rückwärtsgewandten Agrarutopie, die die Verbindung des Menschen mit dem „Volksboden“ beschwor, was sich dann in der Nazi-Parole von „Blut-und-Boden“ wiederfand – und gegen „die anbrandende Moderne in Gestalt der Maschinenwelt“ gerichtet war. Diner spricht in Hinsicht auf das Raum-Verständnis der Geopolitik von einer „rückwärtsgewandte[n] Utopie“, was diesem Verständnis nahe kommt.
Diese Agrarutopie mündete letztendlich in die Pläne der Nazis zur Umsiedlung von Millionen deutscher Bauern in die zu erobernden Ostgebiete. Dies war der sogenannte „Generalsiedlungsplan“ von 1942 als Teil des von der SS unter Himmler ausgearbeiteten Generalplan Ost.
Diese Agrarutopie war gerichtet, wie gesagt, gegen Industrialisierung, aber auch gegen Verstädterung; für beides erschien bei Haushofer „das Jüdische“ als eine Metapher:  Juden werden für Haushofer „als Begründer und Agenten einer naturzerstörenden Maschinenwelt denunziert“, die die natürliche Landschaft zerstören und vor allem in den „ungesunden Volkszusammenballungen“ von Riesenstädten wie etwa New York leben.
In der Einschätzung Diners lassen sich bei Haushofer, dessen Ehefrau Martha übrigens halbjüdisch war, zwar „klassische antisemitische Bilder“ finden, doch sei er kein „konsequenter Rassen-Antisemit“, wie etwa Rudolf Heß, gewesen. Diese Haltung war aber bei Haushofer selbst durchaus widersprüchlich und beruhte auf der Verleugnung der auf die Vernichtung der Juden gerichteten Motive des NS-Antisemitismus. Aber seine Theorie bot diesem NS-Antisemitismus ein breites Einfallstor wie man bei Hitler selbst sehen kann, der in Mein Kampf in der Großstadt die Verkörperung all dessen sieht, was er ablehnte. Hitler schreibt dort:

„Widerwärtig war mit das Rassenkonglomerat, das die Reichshauptstadt [Hitler meint hier Wien] zeigte, widerwärtig dieses ganze Völkergemisch von Tschechen, Polen, Ungarn, Ruthenen, Serben und Kroaten usw., zwischen allen aber als ewiger Spaltpilz der Menschheit – Juden und wieder Juden.
Mir erschien die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande“ (Hitler, in: Hartmann 2016, 365).

Ein weiteres Moment der Geopolitik Haushofer’scher Prägung ist seine Kontinentalblock-Theorie: England und die USA wurden von ihm nämlich als Händlernationen bzw. als „Seeräuberstaaten“ angesehen; ihre Herrschaft beute die Völker aus und koste „sie immer wieder Blut und Boden“ (Haushofer 1941a, 625). Da haben Sie diese Nazi-Parole direkt bei Haushofer. In sein Tagebuch schreibt Haushofer, dass er einen „tiefen instinktiven Haß“ auf die Amerikaner habe. Gegen die angelsächsische Welt fordert er zur Bildung eines kontinentalen Blockes zusammen mit Russland und Japan auf.
Damit variiert Haushofer die von dem erwähnten britischen Geografen Halford Mackinder entwickelte These eines beständigen Gegensatzes zwischen See- und Landmächten. Gegen die Seemächte England und USA plädiert er für die Bildung eben jenes großen kontinentalen Machtblocks von Mitteleuropa und das russische Innerasien bis nach dem Fernen Osten. Dies war dann auch 1939 mit dem Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt und dem Antikominternpakt mit Japan von 1936 erreicht. Und so konnte Haushofer am Ende seines 1941 erschienenen Buches Japan baut sein Reich stolz schreiben:

„Unter den vielen kühnen Wendungen unseres Spiels ums Dasein als Großdeutsches Reich hat ganz gewiß die Eurasienpolitik mit Japan und der Sowjetunion die höchsten Anforderungen an Gefolgstreue, Weltbild und Wendigkeit der Volksgenossen wie der Bundesgenossen gestellt (…)“ (Haushofer 1941, 203).

Diese von ihm befürwortete Bündnispolitik zerfiel aber eben in diesem Jahr 1941 als Hitler die Sowjetunion angriff. Damit war dieses Jahr, wie dies der erwähnte Haushofer-Experte Christian W. Spang ausdrückt, für seine „geopolitische Theorie der ‚Super-GAU‘“ (Spang 2013, 717).

5. Schluss – Geopolitik und Macht

Ich bin am Ende meines Überblicks über einige theoretische – oder besser gesagt imaginäre – Elemente der Geopolitik angekommen, wie sie in Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstand ist und wie sie in den Raumplänen der Nationalsozialisten aufgenommen und in ihren Vernichtungskriegen und Vernichtungsaktionen auf radikalste, grausamste und menschenverachtenste Weise realisiert wurden. Ist damit die Geopolitik als solche zu verfemen – oder eben „nur“ die hier genannte deutsche Version von ihr? Gibt es überhaupt die Geopolitik?
Der französische Geograf und kritische Theoretiker der Geopolitik, Yves Lacoste, definiert die Geopolitik als „eine Sichtweise, in der die räumlichen, geographischen Konfigurationen der verschiedenen Typen von Phänomenen Vorrang genießen, welche in die Kategorie des Politischen fallen“ (Lacoste 1990, 29). Dabei werde von der Geopolitik insbesondere das Politische als Machtbeziehung anerkannt, d.h. die Geopolitik berücksichtige „die Machtrivalitäten in dem Maße, wie diese territorial bedingt sind“. In Erkenntnis dieser fundamentalen Raum-Macht-Verbindung sei, so Lacoste, die Geopolitik „eben keine Wissenschaft“, denn sie lasse „sich nun einmal nicht von Strategie und Propaganda trennen.“ Damit gibt es eben auch nicht die Geopolitik, sondern immer nur „verschiedene Geopolitiken, die sich einander mehr oder weniger widersprechen“ (Lacoste 1990, 29).
Wenn, um einmal ein „regionales“ Beispiel für diesen Konnex von Raumfragen und politischen Machtfragen zu geben, der Name des Meeres zwischen Korea und Japan umstritten ist, d.h. die Frage ist, ob man dies Meer nun Nihonkai / Japanisches Meer (wie die Japaner es wollen) nennen soll oder Chosŏn Tonghae / Koreanisches Ostmeer (wie die Nordkoreaner es wollen) oder Donghae / Ostmeer (wie die Südkoreaner es wollen), ist eine geopolitische Frage ersten Ranges, die man eben nicht wissenschaftlich beantworten kann, sondern in der sich geografische und (macht-)politische Faktoren untrennbar miteinander mischen. Jeder Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität wäre hier nichts anderes als ein propagandistischer Schachzug.
Dieses Wissen um diesen besonderen, von Interesse, Macht, ja sicherlich auch Begehren geleiteten Status der Geopolitik kann man gerade aus dem Studium der Ursprünge des geopolitischen Denkens in Deutschland und der Wege und Irrwege, auf denen sich dieses Denken bzw. Elemente dieses Denkens dort realisiert haben, gewinnen. Und dies genau ist das Anliegen dieses Vortrags gewesen.

Literaturhinweise
–    Diner, Dan: „Grundbuch des Planeten“. Zur Geopolitik Karl Haushofers, in: Vierteljahrshefte f. Zeitgeschichte 32 (1984) H. 1, S. 1-28.
–    Grimm, Hans: Volk ohne Raum, Lippoldsberg 1926.
–    Hartmann, Christian u.a. (Hg.): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Bd. I,  München/Berlin 2016.
–    Haushofer, Karl: Dai Nihon.Betrachtungen über Groß-Japans Wehrkraft, Weltstellung und Zukunft, Berlin 1913.
–    Haushofer, Karl (Hg.): Raumüberwindende Mächte, Leipzig/Berlin 1934 (= Macht u. Erde. III. Bd.).
–    Haushofer, Karl: Japan baut sein Reich, Berlin 1941.
–    Haushofer, Karl: Der Kontinentalblock. Mitteleuropa, Eurasien, Japan, München 1941a.
–    Lacoste, Yves: Geographie und politisches Handeln. Perspektiven einer neuen Geopolitik, Berlin 1990.
–    Ratzel, Friedrich: Politische Geographie, München/Leipzig 1897.
–    Spang, Christian W.: Karl Haushofer und Japan. Die Rezeption seiner geopolitischen Theorien in der deutschen und japanischen Politi

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