Miyashita, Minami

Minami Miyashita

Fernnähe ― Raumbegriffe in Robert Musils Versuchung der stillen Veronika

Für Robert Musil ist „Raum“ in erster Linie ein physikalischer Begriff. Musil ist nämlich ein Rationalist, der Mechanik, Mathematik und Experimentalpsychologie ordentlich studierte. Aber gleichzeitig hat er auch den Charakter eines Romantikers, der vom Mystischen unvermeidlich angezogen ist. Diese für Musil charakteristische untrennbare Vereinigung des Dualistischen zeigt sich auch im Zusammenhang mit den Raumfigurationen in der Novelle Die Versuchung der stillen Veronika. Sie erschien 1911, aber ihre erste Version, d. h. Das verzauberte Haus, wurde schon 1908 in der Zeitschrift „Hyperion“ veröffentlicht. Und auf Grund der Situation, dass Musil erst acht Monate davor mit einer Abhandlung über Ernst Mach promovierte, müssen die Theorien von Mach auch in der Novelle eine wichtige Rolle spielen. Außerdem deutet, wie schon oben erwähnt, der Titel der ersten Fassung, Das verzauberte Haus, gewiss an, dass Musil schon in der frühen Phase dem Motiv „Haus“ bzw. „Raum“ eine besondere Bedeutung gab. Und auch in der letzen Version übernimmt „Raum“ eine wichtige Funktion.

Musil schreibt in seiner Doktorarbeit Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs : „Von größter Wichtigkeit ist ferner die Klarstellung der Begriffe von Raum, Zeit und Bewegung. Sie alle sind nach Mach durch die Erfahrung nur in der Bedeutung von Relation gesichert“, und „ob sie an sich gleichförmig sei, hat daher keinen Sinn“. (58) Außerdem argumentiert Musil: „Eine absolute Bewegung, ein absoluter Raum, eine absolute Zeit sind bloße Gedankendinge, die in der Erfahrung nicht nachgewiesen werden können“. (59) Von dieser Beschreibung kann man sicher annehmen, dass Musil mit der Raumtheorie von Mach vertraut ist. Die wichtigsten Begriffe seiner Raumtheorie sind nämlich „der metrische Raum“ und „der physiologische Raum“. Mach definiert in einer Abhandlung, Der Physiologische Raum im Gegensatz zum Metrischen, den euklidischen und geometrischen, also absoluten Raum als „der metrische Raum“, der immer und überall homogen ist. Dagegen wird der von einzelnen Personen sinnlich begriffene Raum als „der physiologische Raum“ genannt, der heterogen und unstabil ist. (337) Es gibt ein sehr einfaches Beispiel dafür: im „Sehraum“, d. h. im „physiologischen Raum“, schwillt ein Stein, wenn man ihm näher kommt. Dagegen behält aber der Stein im „metrischen Raum“ immer die gleiche Größe, wo immer man steht. Die Eigentümlichkeit dieser Denkart von Mach liegt darin, dass er in den Phänomenen der Wahrnehmungswelt, die gewöhnlich für Täuschung gehalten und nicht ernst in Betracht gezogen werden, gerade als Physiker Bedeutung findet. Aber es ist wahrscheinlich ein Ziel für Kunst und Ästhetik, eine andere Wahrnehmungsmöglichkeiten als die des „metrischen Raums“ herauszufinden.

Auch in der Novelle Veronika kommen die Darstellungen des „physiologischen Raums“ der Figuren zum Vorschein. Veronika ist eine junge Frau, die mit ihrer Tante und zwei männlichen Mitbewohnern ein ruhiges Leben führt. Aber sie fühlt sich selbst ganz unfassbar und kann gleichzeitig mit niemandem selbstständig umgehen, daher ist sie meistens verschlossen und distanziert. Auf Grund dieser Lage erzählt Veronika: „man müßte jeder allein sein mit dem, was geschieht, und zugleich müßte man zusammen sein, stumm und geschlossen wie die Innenseite von vier fensterlosen Wänden, die einen Raum bilden“. (GW 6, 201) Für Veronika existiert also der Mensch wie ein verschlossener und hohler „Raum“. Es ist aber für diese Vorstellung charakteristisch, dass hier die Verschlossenheit nicht mit „Enge“ sondern mit „Hohlheit“ bezeichnet ist. Auf den ersten Blick scheint es paradox. Aber weil „Enge“ die Nuance von „eng“ bzw. „vertraut“ mit sich selbst hat, ist dieser Ausdruck für den Zustand von Veronika, die das Distanzgefühl von sich selbst behält, nicht passend. Daher, um die Schwierigkeit des Selbstbegreifens und die Verschlossenheit in sich selbst gleichzeitig zu bezeichnen, ist hier der Ausdruck vom hohlen und einsamen „Raum“ benutzt. Veronikas Verschlossenheit ist fest und überwältigend, so dass sie zwar so konkret wie eine räumliche Substanz wahrgenommen wird, aber sie ist ein unmessbarer, nur durch die Sinne gebildeter Raum.

Überdies wird in dieser Novelle „Haus“ als „der physiologische Raum“ dargestellt, in dem die Dynamik des Subjekt-Objekt-Verhältnisses wirkt. Veronika erzählt ihrem Mitbewohner, dass sie oft ihr Haus „fühlt“, z. B. „seine Finsternis mit den knarrenden Treppen und den klagenden Fenstern, den Winkeln und ragenden Schränken und manchmal irgendwo bei einem hohen, kleinen Fenster Licht, wie aus einem geneigten Eimer langsam sickernd ausgegossen“. (GW 6, 200) Dann kommt ihr vor, „als wäre unser Haus eine Welt, in der wir allein sind, eine trübe Welt, in der alles verkrümmt und seltsam wird wie unter Wasser“. (GW 6, 200f) Das ist gerade die Schilderung des „physiologischen Raums“. Hier geht es nicht nur um die Landschaft von Veronikas Gesichtspunkt oder dem des Erzählers. Der von Veronika wahrgenommene Raum reflektiert ihre Gedankenbilder und die starren dann zurück auf Veronika, damit sie Veronikas Gemüt verändern. D.h. hier spielt diese Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt eine interessante Rolle. „Finsternis“ und „Knarren“ sind zwar Wahrnehmungen von Veronika, aber mit den Ausdrücken wie „Klagen“ der Fenster und „ragende“ Schränke ist der Zustand bezeichnet, dass die Dinge selbst als Subjekt mit außerordentlich starker Präsenz Veronika wahrnehmen. Das ist nicht bloß „als ob“. Und als Produkt von dieser Inversion des Subjekt-Objekt-Verhältnisses erscheint „eine trübe Welt, in der alles verkrümmt und seltsam wird wie unter Wasser“, d.h. ein heterogenes Weltbild mit unstabilen Umrissen und Perspektiven.

Einerseits reflektiert und verändert Veronikas „physiologischer Raum“ ihren inneren Zustand, aber andererseits funktioniert er als Topos, wo das mystische Erlebnis vom aufgelösten Subjekt-Objekt-Verhältnis gezeitigt wird. Dieses Erlebnis zeigt sich als die Fernnähe. Veronikas Geliebter, Johannes, verlässt sie und begeht einen Selbstmordversuch. Aber merkwürdigerweise weiß sie, dass er noch lebt. Da fühlt sie: „[E]s war-mit einer wieder nur mehr ganz fernen, ungeglaubten Beziehung zu ihm-als ob sich auch eine letzte Grenze zwischen ihnen beiden öffnete“. (GW 6, 220) Je mehr die Distanz wegen der physikalischen Entfernung und des (Quasi-) Todes die zwei Menschen entzweit, desto enger wird ihre innerste Beziehung. Dieser Zustand ist als „eine wollüstige Weichheit und ein ungeheures Nahesein“, d. h. als die ekstatische und seelische Vereinigung bezeichnet. (ebd.) Diese zwei Menschen verinnerlichen sich, und ihr Nahesein ist „mehr noch als eines des Körpers eines der Seele“.(ebd.) Hier spielt die Fernnähe eine sehr wichtige Rolle. Je ferner der Geliebte sich befindet, desto deutlicher kann Veronika sein Innerstes fühlen-es ist nichts anders als das Erlebnis der Fernnähen. Außerdem ist es besonders für Veronika charakteristisch, dass „Raum“ als ein wichtiges Moment für die mystische Vereinigung funktioniert.

Zusammenfassend gesagt: Veronika ist vom Gefühl der Verschlossenheit, Leere und von der Schwierigkeit des Selbstbegreifens gefangen, die mit der Vorstellung „Raum“ dargestellt werden. Außerdem funktioniert das „Haus“ als der heterogene und unstabile „physiologische Raum“, wo die Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt aktiviert ist. Schließlich taucht aber der „andere Raum“auf, in dem die Gegensätze wie Leben/ Tod, Subjekt/ Objekt und fern/ nah völlig aufgehoben sind, und dadurch erreichen die zwei Leute die äußerst innige Vereinigung. Musil verflicht diese Dynamik von „Raum“ mit dem Raumbegriff von Mach, und damit entfaltet er hier die bezeichnenden Darstellungen der menschlichen Innenwelt.

 

 

Literatur

  • Mach, Ernst: Erkenntnis und Irrtum: Skizzen zur Psychologie der Forschung.
  • Leipzig : J. A. Barth 1905.
  • Musil, Robert: Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs und Studien zur Technik und Psychotechnik. Hamburg: Rowohlt 1980.
  • Musil, Robert: Gesammelte Werke in 9 Bänden. Reinbek: Rowohlt 1978.
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